Freitag, 13. Juni 2014

Nachtrag: NRW plant nun doch eine Gefahrtierverordnung

Heute stieß ich auf einen weiteren Artikel, der sich mit den Bestrebungen des Umweltministers von Nordrhein-Westfalen befasst: NRW-Minister will Privathaltung hoch gefährlicher Tiere verbieten

Der Artikel der WAZ, auf den ich hier bereits einging, beruht auf sachlichen Grundlagen und informiert die Leser in dem Rahmen, wie es von einer seriösen Redaktion zu erwarten ist. Beim vorliegenden Artikel im Portal von T-Online, sieht das jedoch leider anders aus. Darin gibt mir die Passage nach dem neckischen „Übrigens“ besonders zu denken. Die Erläuterung, dass die Allgemeinheit für die medizinische Versorgung eines gebissenen Schlangenhalters aufkommen muss, sofern dieser gesetzlich krankenversichert ist, grenzt mal wieder an Volksverhetzung. Ich kann mir schon bildlich die aufgebrachten Hausfrauen vorstellen, die sich vor Empörung darüber, dass sie für die Kosten der Schlangenbissbehandlung eines solchen „Freaks“ aufkommen mussten, direkt beim Schneiden von (übrigens wahrscheinlich mit Salmonellen belasteten) Lebensmitteln mit dem Messer in den Finger sensen und danach selber die Krankenkassen schröpfen. Unfälle gehören zum täglichen Leben dazu und die Angst vor Schlangen für Sensationsberichte zu nutzen, ist kindisch und unverhältnismäßig. Immerhin wird aber auch die Aussage der Krankenversicherungssprecherin veröffentlicht, dass ein gebissener Schlangenhalter in keinem Verhältnis zu den vielen Verletzungen steht, die durchs Fußballspielen entstehen. Vielen Dank Frau Marini für diese klaren und wahren Worte in einer Zeit, wo fast jeder unter Fußballfieber leidet!

Dass am Ende des Artikels noch einmal der inzwischen schon 4 Jahre alte Fall einer entflohenen Monokelkobra aus Mülheim an der Ruhr (Nordrhein-Westfalen) ausgegraben wird, zeigt die Hilflosigkeit der Redaktion, da offenbar keine weiteren spannenden Fälle dieser Art in der Zwischenzeit aufgetreten sind, welche die Sensationsgier hätten befriedigen können. In einer solchen Not gräbt man dann alte Geschichten aus der Mottenkiste.

Ich möchte aber an dieser Stelle nicht nur rummeckern, sondern auch mitteilen, dass ich heute dem Umweltminister von Nordrhein-Westfalen den folgenden Brief als Reaktion auf die Pressemeldungen geschickt habe:

Sehr geehrter Herr Remmel,

gestern las ich in diversen Nachrichtenportalen die Meldung, in der von Ihren Bestrebungen berichtet wird, bis zu den Herbstferien einen Gesetzesentwurf über ein Haltungsverbot giftiger Exoten in den Landtag zu bringen. Ich selbst komme zwar aus Niedersachsen und bin daher von diesen Überlegungen nicht direkt betroffen, dennoch möchte ich Ihnen in Anbetracht der Tatsache, dass derzeit eine bundeseinheitliche Regelung zur Debatte steht und die neuen Gesetze einzelner Bundesländer sicherlich ein gewisses Zeichen in Richtung der Bundespolitik senden würden, meine Meinung zu diesen Bestrebungen in Ihrem Bundesland mitteilen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich die Zeit dafür nehmen könnten.

Der in den Meldungen beschriebene Vorfall eines Bissunfalls mit einer Zwergklapperschlange ist natürlich nicht einfach unter den Tisch zu kehren. Trotzdem wären Ihre jetzigen Bestrebungen, sich für ein Verbot der Haltung solcher Tiere einzusetzen, eher als Kurzschlussreaktion aufzufassen und nicht als politisch durchdachte Handlung. Bei dem vorliegenden Fall wurde lediglich der direkte Halter von seinem Tier gebissen. Eine unbeteiligte Person war nicht betroffen und auch nicht in unmittelbarer Gefahr. Unfälle können immer passieren, auch bei anderen Hobbies oder beim Umgang mit anderen Haustieren. Unfälle mit Exoten spielen in der Statistik kaum eine Rolle. Etwa 30.000 Bissverletzungen werden jährlich von den Haftpflichtversicherungen angegeben. Nach amerikanischen Studien belegen Hunde-, Katzen- und Menschenbisse die ersten drei Plätze. Diese Bisse haben zum Teil schwere Infektionen zur Folge und diese Lebewesen treten regelmäßig in direkten Kontakt mit dritten Personen oder gar der allgemeinen Öffentlichkeit, während giftige Terrarientiere lediglich in Ausnahmefällen in Kontakt zum Menschen und dann auch nur zu ihrem Pfleger geraten. In den Jahresberichten meiner zuständigen Giftnotrufzentrale lassen sich gerade einmal knapp 1 % der gemeldeten Giftnotfälle auf Tiere zurückführen (300 von 27.656 im Jahr 2008). Eine steigende Tendenz ist nicht zu erkennen. Da hierbei aber auch einheimische Arten wie z.B. stechende Insekten aufgeführt sind, verschwindet der Anteil an gemeldeten Unfällen mit giftigen Exoten im statistisch kaum noch relevanten Bereich. Ihre Pläne liegen also in keinerlei Relation zum vorhandenen Gefahrenpotential der verschiedenen Haustiere und dabei habe ich die Statistiken über Reitunfälle und die Gefahren anderer Hobbies gar nicht erst mit einbezogen.

Dass in Ihrem Bundesland derzeit keine Regelungen in Bezug auf gefährliche Tiere wie z.B. Giftschlangen existieren, finde ich ebenfalls bedenklich. Ein pauschales Verbot könnte den Handel allerdings auf den Schwarzmarkt verlagern und der Politik die Kontrolle nehmen. Daher sehen meine Anregungen für Ihre geplante Gefahrtierverordnung (die besser nicht auf die Schnelle bis zu den Herbstferien durchgedrückt werden, sondern langfristigen Überlegungen und Abwägungen unter Konsultation von Fachleuten folgen sollte) folgendermaßen aus:

1. Es sollte zuerst einmal kein Unterschied zwischen der privaten und der gewerblichen Haltung gemacht werden. Privathalter haben nicht unbedingt weniger Kenntnis von ihren Tieren, als z.B. Zoofachhändler, die eine Sachkundeprüfung nach § 11 Tierschutzgesetz abgelegt haben, weil Händler sich dadurch nicht zwangsläufig auf den Umgang mit Gefahrtieren spezialisiert haben. Privathalter, die sich engagiert mit ihren Tieren befassen, ein intensives Studium von Fachliteratur betreiben und in Kontakt zu anderen Haltern stehen, haben in der Regel sogar mehr Ahnung von diesen Tieren. Diesen fähigen Haltern die Pflege ihrer Tiere mit pauschalen Verboten zu untersagen, entbehrt jeder Grundlage.

2. Die von Ihrer Partei geforderte Positivliste mit unbedenklichen Arten wäre langfristig unklug. Hierbei würden harmlose Arten, die vielleicht in Zukunft neu in der Terraristik etabliert werden sollen, gar nicht aufgeführt und würden somit direkt und unbegründet dem Haltungsverbot unterliegen. Eine „Negativliste“ mit deutlich bezeichneten Arten, die dem Menschen aufgrund von Giftwirkung oder Körperkraft tatsächlich gefährlich werden können, wäre der bessere Weg.

3. Es sollte ein Sachkundenachweiskonzept aufgebaut werden, bei dem ein Halter vor dem Kauf eines potentiell gefährlichen Tieres zu einer Prüfung verpflichtet wird. Erst nach bestandener Prüfung wird dem Halter eine Haltungserlaubnis erteilt. Laut der Meldungen im Internet liegt Ihnen ein solches Konzept von der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. bereits vor.

4. Es sollte eine Meldepflicht bei einer zuständigen Behörde für die Tiere einer solchen Gefahrtierliste eingeführt werden. Auch die für Gefahrtiere zuständigen Beamten dieser Behörde müssten die besagte Sachkundeprüfung ablegen, damit sie das nötige Fachwissen über die Thematik erlangen.

5. Der Halter muss bestimmte Anforderungen an die Sicherheit erfüllen, bevor ihm eine Haltungserlaubnis erteilt wird. Diese (wie auch die Gefahrtierliste) sollten mit vernünftigem Sachverstand unter Konsultation von Fachleuten entwickelt werden, damit nicht unnötige Einschränkungen oder Einträge harmloser Tiere (z.B. Vogelspinnen) auf der Gefahrtierliste die Folge sind.

Wenn die geplante Gefahrtierverordnung auf diesen Grundsteinen beruht, profitieren alle davon: Die Halter, die Bevölkerung, die Politik und auch die Tiere selbst und NRW wäre Vorreiter in Sachen durchdachter Gefahrenabwehr in Bezug auf gefährliche Tiere. Ein pauschales Verbot von Tieren, die laut den Statistiken für die Bevölkerung nicht gefährlicher als Hund, Katze oder Pferd sind, ließe sich dagegen schlichtweg nicht logisch begründen und wäre vielmehr ein Zeichen von Hilflosigkeit, als von politischem Sachverstand. Daher bitte ich Sie, dass Sie meine Schilderungen bei Ihren Gesetzesentwürfen beherzigen und stehe Ihnen für einen weiteren Austausch gerne zur Verfügung.

Im Falle einer Antwort, werde ich wie üblich berichten.
 

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