Montag, 12. Mai 2014

Nachtrag: „Salmonellenpanik“ im FOCUS

Am 08.05.2014 berichtete der FOCUS über die Gefahr einer Infektion mit Salmonellen, derer Kinder beim Umgang mit Reptilien (angeblich) ausgesetzt seien. Ich berichtete bereits hier grundsätzlich über diesen Artikel. Dabei stolperte ich über die folgende Aussage:
Bis zu 90 Prozent der im Haus gehaltenen Reptilien sind Salmonellenträger.
Mit dieser Aussage machen Medien Panik und verunglimpfen das Hobby Terraristik ohne einen Verweis auf den wissenschaftlichen Ursprung dieser Daten zu geben. Da auch diverse Tierrechtsorganisationen diese Bezifferung für ihre Anti-Exotenhaltung-Kampagnen verwenden, fragte ich mich, woher diese Zahl überhaupt stammt. Da ich intransparente Behauptungen in den Medien nicht ausstehen kann, erkundigte ich mich beim FOCUS, bei der Deutschen Presse-Agentur und bei dem im Artikel genannten Pressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte über die Herkunft dieser Angabe. Der FOCUS verwies mich an die dpa. Hatte die Redaktion schließlich (wie bei deutschen Massenmedien leider üblich) den Artikel ohne diesen zu hinterfragen von der Nachrichtenagentur übernommen.

Da ich von dpa und BVKJ bis zur Veröffentlichung dieses Beitrags keine Rückmeldung bekam*, recherchierte ich selbst nach der Herkunft der Aussage, dass bis zu 90 % der in Gefangenschaft gehaltenen Reptilien mit Salmonellen infiziert seien.

Bei meinen Recherchen stieß ich auf das Epidemiologische Bulletin 9/2013 des Robert-Koch-Institutes mit dem Titel „Salmonella-Infektionen bei Säuglingen und Kleinkindern durch Kontakt zu exotischen Reptilien“. Darin finden sich die 90%-Angabe und der zugrundeliegende Urheber:
 
Woodward et al. ermittelten eine Prävalenz bei Reptilien von bis zu 90 %.
 
Über nähere Hintergründe dieser Aussage schweigt jedoch auch das Robert-Koch-Institut. Während meiner weiteren Recherchen über die Studie von Woodward fand ich schließlich einen aufschlussreichen Artikel der drei Autoren Andreas Hassl und Silvia Pfleger vom zertifizierten Klinischen Institut für Hygiene der Medizinischen Universität Wien sowie Gerald Benyr vom Naturhistorischen Museum Wien mit dem Titel „Salmonellen-Infestationen in Amphibien und Reptilien“. Die Autoren erläutern die wissenschaftliche Erhebung ihrer Daten bis ins Detail, was für die Qualität der Angaben spricht. Dabei wurden in einem Zeitraum von 2 Jahren (1997-1999) von verschiedenen Reptilien und Amphibien in Gefangenschaft und im Freiland Kotproben auf Salmonellen-Stämme untersucht. Lediglich bei 54 von 376 Kotproben der in Gefangenschaft gehaltenen Tiere konnten Salmonellen nachgewiesen werden. Dies entspricht gerade einmal einem Anteil von rund 14 Prozent! Bei den freilebenden Tieren waren es 28 %.

Laut der Autoren lässt sich die hohe Durchseuchungsrate in Höhe von 90 % aus der Studie von Woodward et al. dadurch erklären, dass darin Tiere in und aus speziellen Zuchtanstalten (vorrangig Schildkröten) erfasst wurden, bei denen die Tiere wahrscheinlich mit Schlachtabfällen aus der Geflügelzucht (!!!) gefüttert wurden. Die Salmonellen wurden also durch den Einfluss des Menschen auf die Reptilien übertragen und nicht umgekehrt! Dies muss man sich mal bitte auf der Zunge zergehen lassen: In der Öffentlichkeit als seriös eingestufte Tierrechtsorganisationen nehmen massiv Einfluss auf die Politik und die Medien, unterstellen dabei bis zu 90 % aller in Gefangenschaft gehaltenen Reptilien eine für Kinder gefährliche Salmonellen-Infektion und betreiben somit eine an Volksverhetzung grenzende Propaganda gegen die Exotenhaltung (da die von den Massenmedien primär erreichte Bevölkerung ja ohnehin alles glaubt, was in der Zeitung steht), welche auch noch bereitwillig von der Deutschen Presse-Agentur weiterverbreitet wird! Dabei liegen die Umstände vollkommen anders! In Erkenntnis dessen werde ich bei der dpa eine Beschwerde einreichen. Jedem meiner Leser ist es natürlich freigestellt, dies ebenfalls zu tun.

Es bleibt also festzuhalten, dass gerade mal ein Sechstel des in der Öffentlichkeit verbreiteten Infektionspotentials von Terrarientieren für Salmonellen vorherrscht. Doch nicht einmal dieser Anteil führt zu einem tatsächlichen Ausbruch der Krankheit beim Tier, geschweige denn zu einer Übertragen auf den Menschen. Es liegen in Deutschland schlichtweg keine verlässlichen Zahlen über die Häufigkeit von Salmonellen-Infektionen vor, die von Reptilien auf den Menschen übertragen wurden. In den Niederlanden konnten (laut einer Studie von Bertrand et al. im Jahre 2008) in den Jahren 2000 bis 2007 lediglich 0,6 % aller gemeldeten Salmonellen-Infektionen in direkten oder indirekten Zusammenhang mit Reptilien oder Amphibien gebracht werden! Der Zoonosetrendbericht des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) aus dem Jahre 2009 verdeutlicht, dass trotz der steigenden Popularität der Terraristik sogar ein Rückgang an gemeldeten Salmonellen-Infektionen festzustellen ist. Panikmache ist also vollkommen unbegründet. Leider geht es den Tierrechtlern nicht um wissenschaftliche Fakten, sondern um einen Glaubenskrieg. Über diese Fanatiker rege ich mich inzwischen nicht mehr auf. Dennoch sollten gerade die Medien bei der Meinungsbildung eher Interesse an wissenschaftlichen Daten haben, anstatt auf eine Art religiösen Fundamentalismus hereinzufallen! Bei dem Gedanken bekomme ich glatt Symptome einer Salmonellose. Gegen die Gefahr einer Salmonellen-Infektion hilft simples Händewaschen. Gegen die Verunglimpfungen seitens Tierrechtler leider nicht...

Um mit der sinngemäßen Einschätzung von Michaela Gumpenberger aus ihrem Artikel „Reptilien und Salmonellen aus veterinärmedizinischer Sicht“ zu schließen: Terrarientiere sind keine Risikoquellen für den Menschen, wenn sie unter hygienisch einwandfreien Bedingungen gepflegt werden. 
 
 
 
*Sollte ich nachträglich noch Antworten erhalten, werde ich diese hier in diesem Beitrag bei den Kommentaren aufgreifen. 

1 Kommentar:

  1. Heute habe ich eine freundliche E-Mail von der dpa bzgl. meines Beschwerdebriefes erhalten. Mir wurde zugesagt, dass die im Salmonellen-Artikel genannte Zahl an Salmonellen-Infektionen bei Reptilien noch einmal geprüft und die Meldung evtl. korrigiert wird, sollte sich diese Angabe als falsch oder irreführend herausstellen. Kommende Woche soll ich diesbezüglich eine Rückmeldung von der dpa erhalten.

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